"Alle zusammen"

"Alle zusammen"

Pritzwalker Jugendliche nehmen in Berlin den Pritzwalk-Song auf
01.09.
Justin Drews und Ono Ngcala während der Aufnahme
Justin Drews und Ono Ngcala während der Aufnahme
  • Justin Drews und Ono Ngcala während der Aufnahme
  • Paul Tews im Tonstudio von Ajani
  • Paul und Yves üben während Richard Spitzner alles mit der Kamera festhält
  • Paul, Justin, Yves, Stefan und Richard vor der Abfahrt
  • Ono & the Kids in der Studiokabine
  • Ajani arrangiert und dirigiert
  • Im Tonstudio: Textarbeit / Proben des Songs
  • Im Tonstudio: Textarbeit / Proben des Songs
  • Im Tonstudio: Textarbeit / Proben des Songs
  • Stefan Nagel und Richard Spitzner filmen die Aufnahmen
  • Studiokabine bei Ajani
  • Paul Tews bei der Aufnahme
  • Ajani mischt die einzelnen Spuren zum "Pritzwalk-Song"
  • Im Tonstudio: Textarbeit / Proben des Songs
  • Im Tonstudio
  • Im Tonstudio: Textarbeit / Proben des Songs

„ich tu, was ich tu aus Leidenschaft / würd´gern noch mehr tun, doch die Zeit ist knapp / doch ich weiss schon, es gibt n nächstes Mal  / Pritzwalk hat Talent, Mann, auf jeden Fall“
Zeilen  aus dem Pritzwalk Song, getextet in einem Workshop des Musikers und Texters Ono Ngcala mit Yves-Dominique Snelinski (13), Paul Tews (11) und Justin Drews (12)

"In Berlin", sagt der zwölfjährige Justin einmal auf der Autofahrt durch den dunkel vorbeirauschenden Tiergartentunnel, "in Berlin ist alles anders, da musst du immer auf alles gefasst sein." Dabei hatte sich die Überraschung hinterrücks und unerwartet in Pritzwalk ereignet. Auf dem Marktplatz, Ecke Meyenburger Straße. Wo Ono Ngcala, deutsche Rap-Legende erster Stunde, Texter für Größen wie Seeed, neuerdings Wanderer durch die Gefilde des Soul vor einer Ladentür saß und auf Work-Shop-Teilnehmer wartete. Justin, Paul, Jan und Yves waren sich gar nicht sicher, ob sie sich auf Textknochenarbeit einlassen wollten. Und nun hatte das Experiment mit dem Meister aus der Fremde sie nach Berlin geführt. Auf eine Reise quer durch die Stadt. In ein Tonstudio mit einer Goldenen Schallplatte an der Wand. Um einen Song aufzunehmen. Die erste Studioaufnahme in ihrem Leben.

Das, was jetzt so anders war, kam also nicht aus Berlin. Das hatten sie mitgebracht aus der Prignitz oben in Brandenburg, und erst einmal war es so, wie es immer mit wirklich bewegenden Überraschungen ist. Irgendwem machen sie viel Arbeit. Yves, Paul und Justin vor allem, aber auch ihrem Mentor Ono Ngcala und Kirk Ajani McDowell, Künstlername Ajani, als Toningenieur. Der kann einerseits selbst auf eine Karriere als Reggae-Sänger und Keyboarder verweisen. Andererseits hat er als Produzent mit Peter Fox, den Fantastischen Vier, Max Herre oder Samy Deluxe zusammengearbeitet. Zu Profis wird man in dieser Nachbarschaft aber noch nicht automatisch, und deshalb besteht die Aufnahme erst einmal aus Respekt, sekundenweise einem Anflug von Angst vor der Aufgabe und konzentriertem Üben. Der Chorus sitzt nicht richtig. Die Zeilen haben keinen gleichmäßigen Flow, obwohl sie sich das Textmaterial doch alle zusammen erarbeitet haben. "Alle zusammen", so heißt auch der Song. Er handelt von Pritzwalk und dem Lebensgefühl in einer Stadt, an die man glaubt und aus der man Brücken nach außen sucht.

Die endgültige Gestalt des Songs stammt von Ngcala, der weiß, wie man es macht, der aber auch gut zuhören kann. Er ist gelernter Soziologe, man könnte ihn sich auch als Motivationscoach oder Lehrer vorstellen. Er ist keiner, der Vorschriften macht, sondern der sachliche Fragen stellt. Was hört Ihr gern? Warum? Der klare Ansagen macht. Gangster-Rap ist völlig ok, aber was Du schreibst, muss immer von Dir handeln. Du musst darin vorkommen. Und der, statt zu viele Ansagen zu machen, mit seismografischer Genauigkeit Präferenzen erforscht. Welche Sounds mögen die vier, damals war Jan noch dabei, er konnte nach Berlin nicht mitkommen. Wie reden sie über sich. "Schreibt jetzt vier Zeilen über Euch selbst". Bleistift und Papier. Stille im Sprach-Laden der Sieben Künste von Pritzwalk, wo der Workshop stattfindet. Konzentration. Es ist schwer, über sich zu reden. Ganster-Rap ist übrigens eine gute Stilvorlage. Die Posen machen stark, und plötzlich kann man auch Furcht oder Versagen in Worte fassen. Recht ungeschützt texten die Vier. Alles geht. Dann wird ein Sound unterlegt und ausprobiert. Nacharbeiten. Feilen. Nochmal neu. Die Texte klingen plausibel. Sie formulieren Sehnsüchte und ein Lebensgefühl. Nur fragmentweise. In Ansätzen. Aber sie suchen eine Sprache über sich und die Stadt.

Man sitzt da als Zaungast und hat Respekt. Ono Ngcala hat auch Respekt, den hat er schon mitgebracht. Man meint nach drei Stunden, dass die vier irgendwie seine Leute sind. Und Ngcala beschließt, dass man mehr daraus machen soll. Wenn er nun einen Song aufnehmen würde? Ein paar Wochen später rollt ein Kleinbus, gesteuert von Romy Range, der Projektkoordinatorin nach Berlin. An Bord Yves, Paul und Justin - und mit ihnen die Fünfzehnjährigen Richard Spitzner und Stefan Nagel, die das ganze Sieben-Künste-Projekt filmen. Gymnasium und Rochow-Schule kollaborieren mal eben schnell abseits offizieller Vereinbarungen. Man respektiert sich und isst abends Pizza zusammen, besucht eine Galerie, schaut am Rande des Alex TV-Idolen zu und hat zum Shopping am Ende nur noch eine halbe Stunde. Dann geht es zurück.

In Berlin geblieben ist dabei Tonmaterial, das ebenso erstaunlich wie berührend ist. Der Text ist eine Mischung aus den Ideen und Fragmenten der Kids, geordnet und in festere Form gebracht von Ono Ngcala. Es ist das Ergebnis eines lange geprobten Chorus und des furchterregenden Moments, wenn jeder einzelne allein in die Tonkabine muss. Ajani ist nicht schnell zufrieden. Man muss ändern, neu üben, am Ende geht's. Es geht nicht nur. Es ist gut. Es ist auch deshalb so überzeugend, weil der Song sonnenklar macht, was die Jugendlichen wollen. Leben in Pritzwalk. Ausflüge nach draußen. Eine selbst formulierbare Zukunft. Eine gemeinsame Sprache. "Alle zusammen" ist die Aufforderung an die Stadt. Macht weiter so, sagt Ajani am Ende zu den dreien. "So viel Talent, Mann." Aber nicht die Kids allein, Pritzwalk muss weitermachen. Nicht zwangsläufig müssen alle 12.500 Einwohner nun rappen lernen, obwohl man sich von Yves, Jan, Justin und Paul Rhythmusgefühl abschauen kann. Aber reden geht ja auch in Prosa. Reden über die Stadt. Sprache finden. Ausprobieren. Erstmal machen, dann den Fehler suchen. Manchmal ist da gar kein Fehler. "Alle zusammen" klingt auch für Nicht-Prignitzer unterwegs auf dem iPod fehlerfrei gut.

Welturaufführung des Pritzwalk-Songs: Sonntag, 7. September 2014, 16.30 Uhr
Konzert von Ono Ngcala: Samstag, 6. September 2014, 20 Uhr

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Kopf von Bernd Streiter und Porträts von Gerhild Grolitsch
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Samstag, 23. Aug - 14:00
Jost Löber zu Gast in Pritzwalk
Eröffnung: 
Freitag, 5. Sep - 19:00
05.09. bis 07.09.
Eröffnung: 
Freitag, 5. Sep - 14:00